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Hans
Herbert von Arnim
Am
langen Arm der politischen Klasse?
Wissenschaftliche
Politikberatung
Es
gibt ganz unterschiedliche Formen von wissenschaftlicher Politik- beratung,
auch von Beratung durch Sachverständigenkommissionen. Da es meist an
einem klaren Reglement fehlt, bestimmen Politiker ad hoc über die
Einsetzung, den Auftrag und die Zusammensetzung solcher Kommissionen. Oft
werden Kommissionen nur berufen, um unangenehme politische Ent-
scheidungen auf die lange Bank zu schieben. Auch regelrechte "Hofkom-
missionen" sind an der Tagesordnung. Sie sollen politisch gewünschte
Ergebnisse, die, zumindest der Richtung nach, von vornherein feststehen,
politisch scheinbar legitimieren, und entsprechend gezielt werden die
Mitglieder berufen. Die Versuchung, so zu verfahren, ist besonders groß,
wenn es um "das Eingemachte" der "politischen Klasse"
geht, etwa um den finanziellen Status von Politikern selbst oder von ihren
Parteien und Frak- tionen. Gelingt es, in wichtige Kommissionen
mehrheitlich genehme oder gar parteihörige "Sachverständige"
zu berufen, ohne dass die Öffentlichkeit das falsche Spiel durchschaut,
kann die "politische Klasse" die formale Autorität der
Einrichtung für ihre Zwecke nutzen. Diese Art von Politik- beratung, bei
der der Verfasser persönliche Erfahrungen sammeln konnte, soll im
folgenden näher beleuchtet werden.
Ein
Beispiel war eine 1982 eingesetzte Parteienfinanzierungskommission, die
ganz überwiegend mit parteitreuen Mitgliedern besetzt war. Sie schlug
1983 eine gewaltige – im internationalen Vergleich einmalige –
Ausdehnung der Steuerbegünstigung von Parteispenden und eine massive
Anhebung der direkten Staatsfinanzierung vor. Das Parlament, sprich: die
Schatzmeister der Bundestagsparteien, die dem Gesetzgeber schon damals die
Feder führten, zögerte nicht, diese Vorschläge alsbald zu
verwirklichen, und sattelte dabei noch drauf. Um die Parteilichkeit der
Kommission zu verschleiern, hatte Bundespräsident Carstens es übernommen,
die von den Parteien ausgesuchten Kommissionsmitglieder zu ernennen, und
ließ sich so vor deren Karren spannen. Die überzogenen Regelungen wurden
erst 1992 durch das Bundesverfassungsgericht kassiert, wobei allerdings
das einmal erreichte Niveau der direkten staatlichen Parteienfinanzierung
erhalten blieb.
Ein
anderes Beispiel für die politische Instrumentalisierung von Kommis-
sionen war die "Berger-Kommission", welche die Ministerpräsidenten
von Bayern und Nordrhein-Westfalen, Edmund Stoiber (CSU) und Wolfgang
Clement (SPD), 1999 gemeinsam einberufen hatten und welche im Herbst 2000
Vorschläge für die Bezahlung und Versorgung von Regierungs- mitgliedern
unterbreitete. Ihr Vorsitzender, der Unternehmensberater Roland Berger,
und die meisten der anderen 14 Mitglieder standen der politischen Klasse
besonders nahe, waren selbst Spitzenverdiener oder erhielten sogar Aufträge
von bayerischen und nordrhein-westfälischen Ministerien, hatten also ein
regelrechtes Akquisitionsinteresse daran, sich das Wohlwollen der Chefs
der Ministerien zu sichern. Entsprechend großzügig fielen ihre Vor- schläge
aus. (Ich selbst war ebenfalls in die Kommission berufen worden,
allerdings, wie sich allmählich herausstellte, vornehmlich zu
Alibizwecken.) Um die Vorschläge der Öffentlichkeit plausibel zu machen,
wurden im Schlussbericht der Kommission wesentliche Fakten ausgeblendet
und auf der Hand liegende Wertungen unterdrückt. Auf diese Weise sollte
vor allem die Verfassungswidrigkeit der steuerfreien Zusatzeinkommen von
vielen Regierungsmitgliedern verschleiert werden. Allein Stoiber hat als
Mitglieder der bayerischen Staatsregierung bisher insgesamt mehr als 1,5
Millionen Mark aus dieser dubiosen Quellen bezogen, brutto wären das etwa
3,5 Millionen. Zugleich sollte verborgen werden, dass Landesminister und
Politische Staatssekretäre mit Abgeordnetenmandat schon jetzt ein sehr
viel höheres Einkommen beziehen als vergleichbare andere hohe Amtsträger
im In- und Ausland. Mittels dieser Tricks sollte einer gewaltigen Erhöhung
der Bezüge deutscher Regierungsmitglieder bei gleichzeitiger
Aufrechterhaltung der staatsfinanzierten Altersversorgung der Weg bereitet
werden. Die Kommission schoss mit ihren Vorschlägen aber derart über das
Ziel hinaus, dass selbst Stoiber und Clement sich erschrocken von ihren
Ergebnissen distanzierten.
Das
jüngste Beispiel war die von Bundespräsident Johannes Rau berufene
"Kommission unabhängiger Sachverständiger" zu Fragen der
Parteien- finanzierung. Sie war in Wahrheit eher eine Kommission
nicht-unabhängiger Nicht-Sachverständiger, wie ein mutiger Kommentator
in einer politik- wissenschaftlichen Fachzeitschrift treffend bemerkte.
Ihre fünf Mitglieder standen den Parteien sehr nahe, um es vorsichtig
auszudrücken, und keiner von ihnen hatte sich vor der Berufung in die
Kommission mit der Materie "Parteienfinanzierung" intensiv
befasst. Die Kommission beauftragte denn auch ihrerseits drei Sachverständigen
– auch das überwiegend nach parteipolitischem Proporz – mit
umfangreichen Gutachten, aus denen die Kommission dann ihre relativ
bescheidenen Vorschläge vom Juli 2001 zusammenstückelte. Selbst klar
verfassungswidrige Regelungen wie die überhöhte Steuervergünstigung auf
Zuwendungen an Parteien (auf deren Aufrechterhaltung die Schatzmeister der
Parteien größten Wert legen) wurden von der Kommission nicht bemängelt.
In
derartigen Kommissionen spiegelt sich eine höchst problematische Tendenz
wider: Die wissenschaftliche Beratung der Politik wird vielfach von
Institutionen und Personen dominiert, die auf Grund staatlicher Aufträge
tätig werden und oft auch davon leben oder jedenfalls vom Staat
finanziert werden. Dagegen mangelt es an staats- und parteiunabhängigen
Forschungseinrichtungen, wie sie etwa in den Vereinigten Staaten von
Amerika eine große, öffentlich anerkannte Bedeutung besitzen. Der
deutsch-amerikanische Wissenschaftler Wolfgang Reinicke hat beobachtet,
dass "die objektivsten und qualitativ anspruchsvolleren
Forschungsprodukte (in den USA) von Mitarbeitern der unabhängigen
Forschungseinrichtungen vorgelegt werden." Demgegenüber sei
"der Markt für Politikberatung in der Bundesrepublik Deutschland
nahezu gänzlich von der Nachfrage geprägt", also von der Politik
selbst. Politiker möchten, dass Beratung möglichst "in einem
'kontrollierten' Umfeld abläuft." Das schließt dann aber an den
Nerv gehende Untersuchungen, etwa über die Rolle der "politischen
Klasse" selbst, über ihre Bezahlung und über ihren Einfluss auf die
demokratischen Institutionen, weitgehend aus. Der Mangel an unabhängiger
Politikberatung erscheint umso fataler, als Expertenwissen in der Politik
eine immer größer Rolle spielt.
Hier
stellt sich aber auch die Frage nach dem Selbstverständnis von Wissenschaftlern.
Wollen sie ihrer grundgesetzlich gewährleisteten Unab- hängigkeit bei
voller staatlicher Alimentation nicht die verfassungs- theoretische
Grundlage entziehen, müssen sie auch ihre innere Unabhängigkeit
verteidigen, sonst droht eine capitis deminutio.
Besonders
Politikwissenschaftler und der Staatsrechtslehrer, die sich mit Parteien
befassen, drohen manchmal von diesen umarmt und eingebunden zu werden. Wer
über eine Partei forscht, wer Gutachten für eine Partei erstellt und
immer wieder Gerichtsprozesse für sie führt, dem fehlt leicht die nötige
Distanz, um frei und unabhängig urteilen zu können, wenn es um
Regelungen geht, die die Partei betreffen. Gerade sie werden aber oft in
einschlägige Sachverständigengremien berufen und zu Sachverständigen-
hearings geladen.
Was
Unabhängigkeit und Kritikbereitschaft auch gegenüber den Mächtigen in
Staat und Gesellschaft anlangt, gilt immer noch das klassische Wort, das
Ernst Fraenkel, einer der Gründungsväter der deutschen Politik-
wissenschaft nach dem Zweiten Weltkrieg, seinen Kollegen ins Stammbuch
geschrieben hat (das aber auch für Rechtswissenschaftler gelten
sollte):
"Eine
Politikwissenschaft, die nicht bereit ist, ständig anzuecken, die sich
scheuen wollte, peinliche Fragen zu stellen, die davor zurückschreckt,
Vorgänge, die kraft gesellschaftlicher Konvention zu arcana societatis
erklärt worden sind, rücksichtslos zu beleuchten, und die es unterlässt,
freimütig gerade über diejenigen Dingen zu reden, über die 'man nicht
spricht', (habe) ihren Beruf verfehlt ... . Politologie ist kein Geschäft
für Leisetreter und Opportunisten."
(aus:
Forschung & Lehre 1/2003, S. 6 ff.)
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Stand:
13.02.2003
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