Vorwort
Es ist etwas faul in der Bundesrepublik Deutschland. Sorgfältig wird das eigentliche Funktionieren des politischen Geschäfts verdeckt. Die treibenden Kräfte, Motive und Absprachen und damit die Hintergründe und ursächlichen Zusammenhänge der Politik bleiben den Bürgern verborgen. In Erscheinung treten die offiziellen Organe und Amtsträger, die Parlamente und Regierungen, und diese präsentieren sich in der Öffentlichkeit auch so, wie die Verfassung das verlangt.
Umso schockierender wirkt es, wenn durch Zufall doch einmal die Nebelwand aufreißt und dem Bürger den Blick freigibt auf einzelne Teile des Netzwerks von Macht und Interessen. So geschehen bei der CDU-Spendenaffäre und dem "System Kohl" - beides keine Ausnahmen, sondern die Regel; nur hatte der CDU-Parteivorsitzende fünfundzwanzig Jahre Zeit, sechzehn davon als Bundeskanzler, sein System zu perfektionieren und auf persönliche Belange zuzuschneiden.
Um zu erfassen, was sich hinter der demokratischen Fassade in Wahrheit ereignet, muss man das ganze Geflecht in den Blick nehmen: seine Akteure, ihre Wünsche, Leidenschaften und Verhaltensweisen, besonders auch ihren verheerenden Einfluss auf die politischen Institutionen. Dann ist der rote Faden gefunden, dann werden zufällig anmutende und, für sich genommen, unverständliche Erscheinungen zu einem veritablen System, das zwar desillusioniert, dessen klare Herausarbeitung aber die notwendige Voraussetzung für die Entwicklung von Gegenkräften und Verbesserungsinitiativen darstellt.
Dieses Buch ist das Ergebnis jahrzehntelanger Forschung über Staat und Gesellschaft, das Resultat eines über viele Stationen führenden gedanklichen Weges. Eine Fülle von tatsächlichen Beobachtungen und theoretischen Einsichten fügt sich zusammen. Alles passt - und doch ist das Gesamtbild erschreckend, sogar für den Autor selbst. Habe ich übertrieben? Das wird der Leser entscheiden müssen. Für jede konstruktive Kritik meiner Thesen bin ich jedenfalls dankbar.
Speyer, im Juli 2001 Hans Herbert von Arnim