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Es ist etwas faul im Staate

von Michael Funk

Seit Jahren geißelt der Speyerer Staatsrechtler Hans Herbert von Arnim die selbstgefälligen "Gepflogenheiten" des politischen Systems in Deutschland. Und das in einem schriftstellerischen Tempo, dass einem Angst und Bange werden kann. Nach "Fetter Bauch regiert nicht gern" (1999), "Vom schönen Schein der Demokratie" (2000) und "Politik macht Geld" (2001) erschien noch selben Jahr der Band "Das System. Machenschaften der Macht". Darin setzt der Autor den investigativen Kreuzzug gegen das "Kartell der Macht" fort, von dem seinem Urteil nach die politischen Parteien in Deutschland beherrscht werden.

Von Arnims Ausführungen treffen den Nerv der Zeit. Politikverdrossenheit und Misstrauen gegenüber dem Parteiensystem sind weit verbreitetete Phänomene und gehören heute beinah schon zum guten Ton der öffent- lichen Meinung. Unerbittlich legt der Hochschullehrer und gelernte Jurist die dunklen Seiten der politischen Ordnung, die Deformation der Demokratie und die sich der Kontrolle und dem Einfluss des Bürgers mittlerweile nahezu vollständig entziehenden Entscheidungsmechanismen offen. Verdeutlicht werden soll vor allem die Kluft, die zwischen den hehren Idealen der Verfassung und den tatsächlichen politischen Verhältnissen existiert. Von Selbstbedienung ist die Rede, von Privilegien, Posten- wirtschaft und geistiger Korruption – deutliche Signale dafür, dass etwas faul ist im Staate Deutschland.

Zielscheibe des Autors ist die "politischen Klasse", deren Mitglieder den Verhaltensmustern folgen, die Richard von Weizäcker zugespitzt als "Machtvergessenheit" und "Machtversessenheit" beschrieb. Hinter der demokratischen Fassade, so lautet von Arnims zentrale These, sind Strukturen etabliert worden, in denen Grundgesetz und moralische Standards außer Kraft gesetzt sind. Ereignisse wie die Schwarzgeld-Affäre der CDU sind nicht einfach nur auf individuelles Fehlverhalten, sondern vor allem auf die Gegebenheiten und Funktionsmechanismen des Systems zurückzuführen. Parteiübergreifend verfolgen Berufspolitiker in Bezug auf Posten, Geld oder Status ausgeprägte Eigeninteressen und lassen sich vom Motiv des Machterhaltes leiten. Der Filz ist dick geworden, von der Arbeit für das Gemeinwohl kann schon lange keine Rede mehr sein. Und da die Mandatsträger ja selbst für die Gesetzgebung verantwortlich sind, ist kaum zur erwarten, dass die Verantwortlichen Gesetze zu ihren Ungunsten korrigieren werden.

Optionen, Mr. Spock? Als ehemaliges Mitglied der vom damaligen Bun- despräsidenten Richard von Weizsäcker 1992 eingesetzten Sachverstän- digenkommission zur Verbesserung des Parteingesetzes präsentiert der Autor viele (alte) Vorschläge, die zu seinem Bedauern nie umgesetzt wurden. Dazu gehören die Reform der Parteienfinanzierung, des Föde- ralismus oder die Integration von mehr direktdemokratischen Elementen. Die Bürger in Deutschland sind seiner Meinung nach stark unterfordert, eine echte Demokratie im Lincolnschen Sinne – eine Regierung des Volkes, für das Volk und durch das Volk – wird verhindert. Eine "Volksgesetzgebung" könnte nicht nur transparente öffentliche Diskussionsprozesse fördern und damit das öffentliche Vertrauen in die Politik zurückgewinnen, sondern auch das Schweigen der "inneren Zensur" brechen, die unliebsame, das System betreffende Fragen gar nicht erst zulässt.

Hans Herbert von Arnim hat ein Buch geschrieben, das als Mitbringsel für kritisch-interessierte Freunde eine sichere Wahl ist, werden doch bei oberflächlicher Lektüre so gut wie alle populistischen Vorurteile gegenüber dem Parteienstaat bestärkt, die an Stammtischen über denselben "ge- passt" werden. Genau darin liegen auch die Gefahren. Es bleibt beispiels- weise zu bezweifeln, ob mehr plebiszitäre Elemente das parlamentarische System der Bundesrepublik unkomplizierter, durchschaubarer machen würden. Aber dennoch: Der beschriebene Reformbedarf, vor allem auf der Ebene der Landesparlamente, ist unübersehbar. Das Buch pauschal als reißerisch abzutun, ginge deshalb am Kerngedanken vorbei – die Demo- kratie zukunftsfähig zu machen.

(aus: Vorwärts 8/2003)

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Stand: 03.12.2003