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Neues
Deutschland vom 12.10.2001
Hans
Herbert von Arnim, Das System
Das
System der Macht - analysiert von Hans Herbert von Arnim
Es
ist etwas faul im Staate
Von
Karl-Heinz Schöneburg
Kein
aufrechter Demokrat kann diese beweiskräftige und überzeugende Analyse
negieren, die Hans Herbert von Arnim in seinem neuesten Buch, soeben aus
der Druckerei gekommen, bietet. Es gibt m. E. bislang keine vergleichbare
Forschungsarbeit über die staatlichen und gesellschaftlichen »Fäulnisse«
des gegenwärtigen deutschen Staates. Nachdem v. Arnim in zahlreichen Büchern
bestimmte Bereiche bundesdeutscher Staatlichkeit und Politik analysiert
hat, ist sein Gegenstand nun das System der Machenschaften der Macht in
Deutschland. Damit wird eine neue Qualität der Einsicht in die Realität
des deutschen Staates erreicht, denn die zu kritisierenden Einzelformen
verfassungswidriger Machtverhältnisse qualifizieren sich als
Systemerscheinungen. Wer sie also wissenschaftlich oder praktisch verändern
will, muss zur Umgestaltung des Machtsystems vordringen.
Die
»Seele des Systems« ist die Korruption. Die politischen Eliten lassen
sich bewusst korrumpieren, nicht zuletzt vom Großkapital. Diese
Korruption ist zwar formell strafbar, in der Realität jedoch straffrei.
Im Kern besteht sie aus der Ausnutzung einer öffentlichen Machtstellung,
dient der Erlangung privater, vor allem geldlicher Vorteile, trotz aller
Abweichungen von Recht und Moral. Die Affären der CDU-Politiker haben
dies zuletzt allen deutlich gemacht. Jene Machtkorruption charakterisiert
auch die Parteien der politischen Eliten als unmoralische und
verfassungswidrigen Organi- sationen: Diese Parteien kommen ihren
Hauptfunktionen der Verwirklichung des Gemeinwohls und der Bürgernähe
nicht nach, denn sie sind »machtversessen«. In Wirklichkeit orientieren
sich Amtsträger und Parteipolitiker nicht, wie ihnen das die Verfassungen
des Bundes und der Länder vorschreiben, am Gemeinwohl. sondern an ihrem
Interesse an Macht, Posten und Geld. Diese sind der »eigentliche Motor«
der Politik. Das können auch Sonntagsreden nicht verdecken. Ein »guter«
Minister zeichnet sich nicht durch Sachverstand aus. sondern durch die Fähigkeit,
politische Gegner zu bekämpfen und über die Medien als "Meister der
gefälligen Inszenierung des Scheins« aufzutreten. An die Steile von
Sachkompetenz tritt die »Darstellungskompetenz von Kompetenz«. Die
Dominanz des Eigennutzes von Politikern der Machteliten zeigt sich in
vielfältigster Weise. Es seien nur beispielhaft genannt: Die Doppel-
einnahmen von Politikern; Bargeldzahlungen an Politiker in unwahrschein-
lichen Größenordnungen; »Parteibuchwirtschaft« bei der Besetzung von
Richter- und Beamtenposten: Überversorgungen von Politikern.
Dabei
ist nicht zu vergessen. dass das Hauptproblem der gegenwärtigen repräsentativen
Demokratie in Deutschland darin liegt, dass die Bürger keinen Einfluss
auf die Verfassung haben und die Eigeninteressen der herrschenden
politischen Akteure sich nicht nur in rechtlich vorgegebenen Rahmen und
Bedingungen entfalten, sondern dass diese von den Politikern in deren
Eigeninteresse selbst bestimmt werden. Die politische Klasse lebt von der
Politik, statt für sie.
»Der Zugriff der
politischen Klasse auf die Verfassung ist am massivsten und auch am
offensichtlichsten bei jenen Regelungen, die unmittelbar den Erwerb von
Macht. Posten und Geld betreffen.« Da sind die so genannten
Parteienspenden, Parteien oder Abgeordneten können Millionen »zuge-
wendet« werden. ohne dass strafrechtliche Sanktionen befürchtet werden müssen.
Derartige »Großspenden« bewegen sich automatisch »im Dunstkreis der
Korruption«. Die Spenden der Wirtschaft erfolgen, um ein entsprechendes
»Wohlverhalten« der Politiker zu erkaufen. Sie sind daher eine Art von
individuellen Steuern, eine Art »Schutzgeld«.
Auch
das Wahlrecht in der BRD ist längst Werkzeug der politischen Klasse und
ihrer Eliten geworden. Auf Grund des Fehlens direktdemokratischer Formen
der Volksherrschaft sind Wahlen auf Bundesebene das einzige Element, mit
dem die Bürger einen Einfluss auf die Parlamente haben, die dann von der
Regierung bis zum Verfassungsgericht alle anderen obersten Staatsorgane
kraft der in dem Parlament herrschenden Parteien bestim- men. Daher sind
die parlamentarischen Eliten in ihrem Eigeninteresse besonders bei der
Wahlgesetzgebung befangen. Das wird z. B. bei der Fünfprozenthürde und
anderen Sperrklauseln deutlich: Die kleinen Parteien werden
ausgeschlossen. »Das eigentlich problematische bei diesen Sperr- klauseln
ist der praktische Ausschluss neuer Parteien und die dadurch bewirkte
Versteinerung des politischen Systems, das zur >geschlossenen
Gesellschaft< degeneriert.« Und
vor allem: Auf Bundesebene verhinderte das Machtinteresse der politischen
Eliten bis heute jede Art von direkter Demokratie, da sie zum Korrektiv für
die Herrschaft der politischen Klasse würden.
Diese
elitäre Parteienherrschaft führt zu weiteren vielfältigen Verfassungs-
brüchen. Nach Art. 33 Abs. 2 Grundgesetz dürfen Beamten- und
Richterstellen ausschließlich nach persönlicher Qualifikation und
fachlicher Leistung vergeben werden. Die Realität sieht anders aus. Ob
hohe politische Beamte, Verfassungsrichter, Richter oberer Gerichte - überall
ist die Parteipatronage bestimmend und verletzt so demokratische
Strukturen. Die Treue zur Partei der Eliten wird charakteristisch für
politisches Entscheiden und Handeln. Dies beweisen auch die
Verfassungsgerichte. So hat das Landesverfassungsgericht Brandenburg vor
kurzem entgegen der Landesverfassung, die wichtige Formen direkter
Demokratie verbindlich normiert, eine vom Parlament abgelehnte, von über
150 000 Bürgern eingebrachte Volksinitiative zur Erhaltung des Grundrechtes eines jeden Kindes
auf einen Kitaplatz entsprechend der verfassungsfeindlichen Argumentation
der Herrschaftseliten des Landtages folgsam tot geurteilt. Auf diese und
andere Weise schafft sich das Machtsystem seine eigene Wahrheit gegen
Verfassung und Wirklichkeit.
Nicht
zuletzt analysiert v. Arnim das in der BRD existente System der
Demokratie, das dem Bürger zwar formale Rechte gibt, ihn jedoch
weitgehend entmündigt. Wer sich zur Wahl stellen darf, entscheiden die
Parteieliten. Dies widerspricht dem Grundgesetz. Demokratie und sozialer
Rechtsstaat verlangen Öffentlichkeit in Parlament, Regierung und Verwal-
tung. Stattdessen ist noch immer das Prinzip des Amtsgeheimnisses
bestimmend. Die Fraktionsdisziplin durchlöchert das Abgeordnetenmandat.
Die politischen E!iten entmachten die Parlamente und die politische
Willensbildung die nicht von unten nach oben, sondern antidemokratisch von
oben nach unten verläuft.
Untreu
würde sich v. Arnim werden, hätte er nicht Vorschläge parat, das
bestehende Machtsystem demokratisch zu verändern. Er betont dabei zu
Recht, dass sinnvolle Reformstrategien sich nicht darauf beschränken dürfen,
nur einzelne Symptome des faulenden Systems zu bekämpfen. Das Volk als
Souverän muss relevante Stellen des bestehenden Systems reformieren. Dafür
werden eine Vielzahl von Beispielen genannt, unter anderem: Ministerpräsidenten
sollten direkt vom Volk gewählt werden, um so deren demokratische
Legitimation und Verantwortung zu erhöhen; das Wahlrecht zu den
Parlamenten sollte nicht auf der Grundlage starrer Listen, die von
parteiinternen Gremien
aufgestellt werden, gewählt werden, sondern mit flexiblen Listen, die es
den Wählern ermöglichen, ihre Stimme auf bestimmte Kandidaten zu »häufeln«
(kumulieren) und auch andere Kandidaten zu wählen (panaschieren).
Die
Zahl der Parlamentsabgeordneten sollte von der Höhe der Wahlbe- teiligung
abhängig sein. Es ist verboten, die Freiheit des Abgeordneten- mandats
durch Fraktionsdisziplin zu schädigen. Regierungsmitglieder dürfen nicht
gleichzeitig Abgeordnete sein und so sich selbst »scheinkon- trollieren«;
und vor allem: Das Volk muss rechtlich gesicherte Möglichkeiten erhalten,
seine Gemeinwohlinteressen gegen Herrschaftseliten in Parlament und
Regierung durchzusetzen, bis hin zur Änderung und Erneuerung der
Verfassung.
Diese
Volksgesetzgebung könnte zum Motor werden, um die Deformationen in Staat
und Gesellschaft auf Grund des jahrzehntelangen Wirkens der
Eigeninteressen der politischen Klasse aufzubrechen und dem Volk als
Souverän seine derzeitige Politikverdrossenheit zu nehmen.
Hans Herbert von Arnim:
Das System. Die Machenschafen der Macht, München 2001. 440 S., geb.,
44.79 DM.
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Stand:
26.06.2002
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