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Hans Herbert von Arnim

Mehr Rechte für die Kinder

Die Jungen rüsten auf, so hört man. Sie würden den Alten gern ihre Renten kappen. Einschränkungen für die Zukunft sind in der Tat unvermeidlich, und sie werden sicherlich noch einschneidender sein als die bisher schon ange- dachten und eingeleiteten. Das hat viele Gründe: die Arbeitslosigkeit, die Übernahme der ehemaligen DDR-Bevölkerung ins bundesdeutsche Renten- system, vor allem aber die sogenannte demographische Verschiebung. Die Menschen werden immer älter, und gleichzeitig bleiben die Jungen aus. Ein Paar bekommt im Durchschnitt nur noch 1,35 Kinder. Der Finanzierung der Renten, Pensionen und der Krankenversorgung wird allmählich die Grund- lage entzogen. Für Rentner und Pensionsempfänger sind während ihrer Arbeitszeit ja keine entsprechenden Reserven angesammelt worden (wie das bei einem sogenannten Kapitaldeckungsverfahren hätte erfolgen müs- sen). Sie werden statt dessen im Umlageverfahren, das heißt, aus den laufenden Einkommen der jetzigen Aktiven, bezahlt, und für die Kranken- versorgung gilt das sowieso. Wird die Relation der Aktiven zu den Alten nun aber aus demographischen Gründen immer schlechter, so konzentriert sich die Soziallast auf immer weniger Schultern. In den 60er Jahren kamen noch vier Aktive auf einen Rentner, heute sind es zwei Aktive und in einigen Jahrzehnten wird jeder Aktive einen Rentner zu finanzieren haben. Dass dies nicht mehr durchzuhalten ist, ohne die Arbeit in Deutschland unbezahlbar zu machen, liegt auf der Hand, besonders angesichts der Europäisierung und Globalisierung, die den internationalen Wettbewerb gewaltig verschärft haben. 

Manche fragen zwar, ob die nötigen Einschränkungen politisch überhaupt noch realisierbar sind. Die Überalterung der Bevölkerung führt ja auch dazu, dass alte Wähler immer mehr Gewicht bekommen. Kann die Politik dann noch etwas gegen deren Interessen durchsetzen?

Aber sind denn die Besitzstände der heutigen Rentner wirklich gefährdet? Die Maßnahmen greifen in jedem Fall nur ganz allmählich und treffen deshalb vor allem die zukünftigen Rentner, also die jetzt noch Aktiven, und darunter besonders die jungen. Diese müssen die derzeitigen Renten finanzieren und gleichzeitig um ihre eigenen Renten fürchten. Dies ist nun aber weitgehend unabhängig davon, ob Zahler und Empfänger durch eigene Kinder einen Beitrag zur Finanzierung geleistet haben oder nicht. Die eigentliche politische "Front" verläuft denn auch gar nicht zwischen Alt und Jung, sondern zwischen denen mit Kindern und den Kinderlosen. Hier liegt die wahre Gerechtigkeitslücke. Wenn überhaupt "Krieg", dann also nicht zwischen den Generationen, sondern innerhalb der Generationen. 

Das Aufziehen von Kindern ist nicht nur eine – heute von manchen als zweifelhaft angesehene – ideelle Lust, sondern auch eine schwere finan- zielle Last. Mit zwei oder drei Kindern kann, zumindest für einige Jahre, meist nur noch ein Elternteil ein Erwerbseinkommen erzielen, ganz ab- gesehen von den Kosten für den Unterhalt der Kinder, die geradezu zum "Armutsrisiko" werden können. Im Vergleich dazu erzielt ein Paar ohne Kinder regelmäßig zwei volle Einkommen und ist zugleich von der finan- ziellen Kinderlast befreit ("double income no kids = dink"), verfügt also über einen bis zu dreimal so hohen Lebensstandard. Gleichzeitig erwarten aber die "dinks", dass auch sie im Alter von der nächsten Generation versorgt werden. Auf diese Herausforderung hat unsere Rechts- und Werteordnung noch keine ausreichende Antwort gefunden. Die soziale Bedeutung des Entschlusses, Kinder zu kriegen und aufzuziehen, wird von der Gesellschaft noch nicht ausreichend gewürdigt. Das liegt auch daran, dass die Proble- matik erst vor einigen Jahrzehnten entstand und nur allmählich in unser Bewusstsein dringt. Lange hatte das Kinderkriegen sich sozusagen von selbst verstanden. Der radikale Bruch in der Entwicklung beruht auf mehreren Faktoren:

          Dem sogenannten Wertewandel von "Pflicht- und Akzeptanzwerten" hin zu "Selbstentfaltungswerten",

          der Verbreitung der Anti-Babypille und

          der Akzeptierung der Abtreibung und sogar ihrer Finanzierung auf Krankenschein.

Die ausufernde Entwicklung zum Individualismus, ja zur Egozentrik, die die Selbstentfaltung des Menschen geradezu auf den Sockel hebt und Gemein- schaftsinteressen ausklammert, betrachtet Kinder häufig als Hemmschuh auf dem Weg zu einem erfüllten Leben, beruflich, wirtschaftlich und auch sonst. Zugleich hat die Verbreitung der Anti-Babypille und anderer Ver- hütungsmöglichkeiten eine Steuerung ermöglicht, die vor unerwünschter Schwangerschaft bewahrt. Die Liberalisierung der Abtreibung, bei der das ungeborene Leben den Emanzipationswünschen der Eltern weichen muss, tut ein Übriges. Seit 1975 sollen in Deutschland rund 7 Millionen Kinder im Mutterleib getötet worden sein, die zur Finanzierung der Sozialsysteme auf Dauer fehlen. 

Soll die Einstellung der Gesellschaft in eine andere Richtung gelenkt wer- den, bedarf es einer neuen Sozialmoral, die neben der Entfaltung des Individuums auch Gemeinschaftsinteressen in den Mittelpunkt stellt. Auf dieser Basis muss auch die Rechtsordnung umgebaut werden. Die beson- deren Lasten von Personen mit Kindern und ihre besonderen Verdienste um die Gesellschaft müssen entsprechend honoriert werden, auch durch stär- kere finanzielle Förderung. Sinnvoll wäre auch die Einführung des Wahl- rechts für Kinder, das bis zu deren Volljährigkeit von den Eltern wahrzu- nehmen ist. Dadurch könnte ihre Position von Grund auf gestärkt und eine Umkehr auch politisch leichter durchgesetzt werden. 

(aus: Sonntag Aktuell vom 12.10.2003, S. 4)

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Stand: 15.10.2003