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Frankfurter
Allgemeine Zeitung vom 22.1.02, S. 11
Kartell
des Schweigens
Hans
Herbert von Arnim stellt wieder das Parteiensystem in Frage
Hans Herbert von Arnim, Das
System Die Machenschaften der Macht. Droemersche
Verlagsanstalt Theodor Knauer-Nachfolger, 2001 München. 440 Seiten, 22,90
Euro
Kritik
am Parteiensystem ist seine Stärke. Der Speyerer Hochschullehrer tritt
seit Jahren hervor als Analytiker und Reformdenker der deutschen Demokratie,
die nach seinem Urteil durch ein Kartell der Parteien beherrscht wird.
Hans Herbert von Arnims großes staatspolitisches Verdienst lag in der
Offenlegung der Überversorgung politischer Mandats- träger und in seiner
schonungslosen und Wirkung erzeugenden Kritik an der Parteienfinanzierung,
die die kleinen Parteien benachteiligte und die Machtkartelle der Großen
festigte. Manches seiner Kritik ist überzogen, vieles pointiert, aber die
grundsätzliche Kritik an der Herrschaft der Parteien ist begründet.
Seine
jüngste Veröffentlichung gehört zu den Büchern, die Hauptgeschäfts- führer
von Industrie- und Handelskammern und sonstigen Verbänden ihren
Mitgliedern gerne zu Weihnachten oder zum Geburtstag schenken, weil sie -
bei flüchtiger Lektüre - all jene Vorbehalte bestärkt sehen, die sich
gegen unseren Parteienstaat richten. Aber dieser Text verdient vertiefende
Be- schäftigung, weil er Partien enthält, die in der Darstellung der
Defizite der Parteiendemokratie überzeugen und für eine Erneuerung
werben.
Zu
Recht weist der Verfasser auf den Reformbedarf in den Landesparlamen- ten
hin, der unübersehbar ist. Der Verlust von Gesetzgebungskompetenzen an
den Bund, die Vereinheitlichung von Gesetzen, deren Gesetzgebungs- petenz
allerdings bei den Ländern verblieb, und die zunehmende Koordi- nierung
innerhalb der Landeskompetenzen haben die politische Handlungs- substanz
in den Ländern ausgehöhlt. Damit einher ging eine Parteipoli- tisierung
von Ämtern und höheren Stellen in der Verwaltung, die die Leistungsfähigkeit
des öffentlichen Dienstes geschwächt hat.
Die
Gründe für die beschränkte Leistungsfähigkeit sieht er in einem großen
"Kartell des Schweigens": "Die innere Zensur der political
correctness geht eine unheilige Allianz mit den Eigeninteressen der
politischen Klasse ein, indem sie unliebsame, das System betreffende
Fragen gar nicht erst zuläßt." Zutreffend ist auch sein Hinweis, daß
in Deutschland die wissenschaftliche Beratung der Politik durch
Institutionen dominiert werde, die im staatlichen Auftrag tätig und oft
vom Staat finanziert werden. Im Gegensatz dazu gibt es in den angelsächsischen
Ländern unabhängige Forschungseinrichtungen ("think tanks")
mit objektiveren und qualitativ anspruchsvolleren Forschungsprodukten.
Die korruptiven
Entwicklungen, die sich im politischen System ausgebreitet haben, sind gefährlich.
Arnims Ausführungen ("Korruption: Die Seele des Systems") dazu
sind lesenswert, weil sie Usancen beleuchten ("Anfüttern" von
Amtsträgern), Glaubwürdigkeit und Rationalität der Demokratie im Kern
erschüttern. Zumindest fehlt es an der Strafbarkeit wesentlicher Verstöße
gegen das Parteiengesetz.
Den
Ausweg aus der "Deformation" der Parteiendemokratie sieht der
Verfasser in der Veränderung des Wahlrechts und durch Volksgesetz- gebung.
Er vertraut auf den Bürgersinn und die direkte Demokratie. Die These von
dem "dynamisch-innovativen" Charakter der Politik, ein Leitsatz,
den der Wirtschaftswissenschaftler und Soziologe Joseph Schumpeter 1942
wissenschaftstheoretisch belegt hat, sei längst überwunden – als Folge
von Bildungsrevolution und Wertewandel. Arnim entwickelt bekannte
institutio- nelle Vorschläge (Mehrheitswahlrecht, Direktwahl des Bundespräsidenten
und der Ministerpräsidenten, Volksbegehren und Volksentscheid) in der
Erwartung, daß sich als Folge ihrer Verwirklichung die
"Systemreform" von selbst einstelle mit
"gemeinwohlorientierten" Ergebnissen. Das ist eine fragwürdige
Annahme.
Ein
zentraler Aspekt der Zukunftsfähigkeit unserer Demokratie bleibt jedoch
unbeleuchtet. Wie kann eine Demokratie unter den Gesetzen des Wett-
bewerbs zukunftsfähig bleiben? Arnim unterteilt die politische Welt in
die guten Wählerinnen und Wähler und in die schlechten Parteien
("Die Machenschaften der Macht"). Und er beklagt: "Die
Regierung macht häufig Wahlversprechen, die sie nicht einhalten
kann." Aber das gilt für die Opposition gleichermaßen.
Wahlentscheidungen sind - und das übersieht der Verfasser - in erster
Linie Vertrauensentscheidungen, nicht Programmentscheidungen. Insofern hat
die postmoderne Demokratie
Politiker hervorgebracht, die sich in ihrer amorphen, wechselhaften
Gestalt zu Kommunikationsaggregaten entwickelt haben – ohne Wollen, ohne
Programm, ohne Kontur.
Die
Hypertrophierung des Parteienstaates im Sinne der Lehre des
Verfassungsrechtlers Gerhard Leibholz wurde gewiß zurückgedrängt. Es
gibt aber bestürzende Fehlentwicklungen, die Arnim schonungslos
beschreibt. Doch die Ausübung von Herrschaft in einer repräsentativen
Demokratie braucht Parteien - alte und auch neue. Die Kernfrage unserer
Demokratie liegt in der Fähigkeit, Zukunftsfragen zu lösen. Dies ist die
eigentliche Systemfrage, zu deren Beschreibung und Analyse Arnim Außerordentliches
leistet, zu deren Beantwortung er aber wenig bietet.
JOACHIM
BECKER
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Stand:
08.05.2003
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